Berlin ist eine Reise wert!!!
Wir hatten es geschafft! Die Q11 des Jahrgangs 2010/2011 durfte trotz des ursprünglich erbitterten Widerstandes nach Berlin fahren. Warum „trotz Widerstandes“? Nun, das fragten wir uns letztes Jahr auch, denn eine Berlinfahrt in der 10. Klasse galt an der Maria-Ward-Schule als langjährige und bewährte Tradition. Das sollte sich nun ändern. Denn durch die Verkürzung der Schulzeit im G 8 häuften sich die Fahrten in der Oberstufe, was zu schulorganisatorischen Problemen und zu einer hohen finanziellen Belastung für die Eltern führe. Letzteres vor allem auch dadurch, dass die bisherige Praxis, Berlinfahrten z. B. durch den Bundesrat zu bezuschussen, massiv eingeschränkt wurde.
Diese stichhaltigen Argumente sahen wir ja eigentlich auch ein. Wir wollten aber trotzdem so schnell nicht aufgeben. Und siehe da! Mit Beharrungsvermögen, Unterstützung im Lehrerkollegium (an dieser Stelle noch einmal unser besonderer Dank an Herrn Stolzenberger) und vor allem durch Losglück (Wir ergatterten auf diese Weise doch noch einen Zuschuss!), gelang es uns, für den Jahrgang Q 11 die Erlaubnis unseres Schulleiters für die Berlinfahrt zu bekommen. Durch geschickte Terminwahl (Start am Sonntag, Einbezug des ersten allgemeinen Wandertages) war die Fahrt sogar nur mit zwei unterrichtsfreien Schultagen möglich.
Und so starteten wir am Sonntag, dem 19. September, pünktlich um 7:00 Uhr. Die achtstündige Fahrt verlief reibungslos, sodass wir bald das Ortsschild von Berlin und die Hinweistafel „Berlin Zentrum 18 km“ passierten. Tja, Berlin ist eben ein Stückchen größer als Aschaffenburg!!
Schon während der Fahrt zu unserer Unterkunft in Kreuzberg riss die Stadt Berlin uns in ihren Bann, unterstützt von unseren Begleitern, Herr Franz-Josef Wissel und Frau Sieglinde Bauer, die ihr beeindruckendes Wissen über die Stadt und ihre Geschichte und Kultur von Anfang bis zum Ende bereitwillig preisgaben.
Die Ankunft in unserem Grand Hostel war das Sahnehäubchen auf der Torte des ersten Tages. Die Einrichtung des Hauses ist trotz des stilvollen Altbaus (ein umgebauter Bischofspalast aus dem Jahr 1877) funktional und modern. Das gesamte Personal ist sehr freundlich und offen.
Nach dem Auspacken ging es schon gleich mit einer Stadtrundfahrt in unserem Bus weiter, mit Herrn Wissel als wirklich bewundernswertem Berlinkenner und eingefleischtem Reiseführer. Er zeigte uns nicht nur die üblichen touristischen Highlights, sondern auch so manchen Geheimtipp, damit wir für eine spätere private Reise nach Berlin „auf den Geschmack kommen.“ Das sonnige Wetter lieferte einen wunderbaren Hintergrund für unsere unzähligen Fotos und brachte Berlins Schönheit zum Strahlen. Trotzdem waren wir alle ziemlich erleichtert, als wir danach aus dem Bus aussteigen konnten, denn insgesamt fast elf Stunden im Bus gehen doch ziemlich aufs Sitzpolster. Deswegen liefen wir auch abends zu Fuß zum Potsdamer Platz, der nur zwanzig Minuten von unserem Hostel entfernt liegt, um das beeindruckende Sony Center „bei Nacht“ zu besichtigen und dessen Lokalitäten zu genießen.
Am nächsten Morgen, der leider nicht ganz so sonnig, aber doch trocken war, fuhren wir zuerst zum Bundesrat. Dort durften wir nach einer kurzen, aber lehrreichen Führung durch Herrn Falk vom Besucherdienst uns selber bei einem Planspiel in die Rolle eines Politikers hineinversetzen und eine Bundesratssitzung simulieren. Wir schlüpften für eine Stunde in die Rolle von Regierungsmitgliedern eines Bundeslandes oder des Bundes und in die des Bundesratspräsidiums. Wir sollten eine erste Stellungnahme des Bundesrates zum Gesetzentwurf der Bundesregierung über die Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke beschließen. Erstaunlicherweise erreichten wir dabei weder eine Mehrheit für oder gegen den Entwurf. Ja wir konnten uns auch nicht einmal auf einen gemeinsamen Änderungsvorschlag einigen, sodass wir das Gesetz ohne konkrete Stellungnahme an die Bundesregierung zurückleiteten.
Nach einer Pause für Mittagessen und Erkundung der Gegend um den Potsdamer Platz ging es weiter mit unserem „politischen Tag“. Das Holocaust-Mahnmal und der Pariser Platz mit dem Brandenburger Tor warteten auf uns. Während Herr Wissel noch bemüht war, uns mit unseren etwa fünfzig Fotoapparaten als Klasse vor dem Brandenburger Tor auf einem Bild festzuhalten, wurden zuerst wir zum Fotomodell einer chinesischen Reisegruppe, die nicht genug Bilder von uns bekommen konnte, und dann Herr Wissel selbst, wie er umgeben von vielen Fotoapparaten zu seinen Füßen so schnell wie mögliche den Auslöserknopf einer jeden Kamera drückte.
Als letzte Punkte unsere Tagesordnung standen das Regierungsviertel am Spreebogen und natürlich der Bundestag auf der Liste. Schon während der Fahrt zum Reichtagsgebäude erklärte uns Fr. Bauer, wie schon auf dem Weg zum Bundesrat, im Bus alles Wichtige, was wir wissen mussten, um nicht ganz planlos bei jeder Erklärung nachfragen zu müssen. Dass wir allerdings lieber ihr als dem ohne Punkt und Komma redenden Referenten des Besucherdienstes, der obendrein seinen schlechten Humor bewies, zugehört hätten, konnten wir ja nicht wissen. Wenigstens die Reichstagskuppel mit ihrem fantastischen Ausblicken über Berlin hielt, was man sich von ihr verspricht.
Unser freiwilliges Abendprogramm diesmal hieß „Bar-Tour“. Nein, es war nicht, wie man sich das bei diesem Begriff vorstellt. Wie beherzigten natürlich den Wunsch unserer Lehrer, in Maßen zu trinken und nicht in Massen. Und selbstverständlich hielten wir uns an den vorgegebenen, leider etwas engen zeitlichen Rahmen. Wir hatten vom Geschäftsführer unseres Hostels eine Gegend in der Nähe empfohlen bekommen, die zu Fuß gut zu erreichen war und in der sich in einem Dreieck viele Bars, Restaurants und Kneipen reihten. Es zeigte sich, dass der Tipp goldrichtig war und eine einmalige Gelegenheit darstellte. Am Ende fand sich fast die ganze Gruppe, die sich die „Tour“ nicht entgehen lassen wollte, in derselben Bar wieder, in der wir sogar New Yorker aus dem stolzen Manhattan trafen.
Der Dienstag erwartete uns mit einem Kontrastprogramm zum Vortag, nämlich mit einem Besuch im ehemaligen STASI - Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen. Wir hatten das Glück von drei Zeitzeugen (Herr Walter, Herr Warnke, Herr von Wichmann) durch die original erhaltenen Gebäude geführt zu werden. Sie erzählten von ihrer Zeit in dem Gefängnis und lieferten eindrucksvolle und schockierende Beweise für den die Menschenrechte verachtenden Charakter der kommunistischen Diktatur der DDR. Unsere Gefühle hier mehr zu beschreiben, ist unmöglich, denn „Hohenschönhausen kann man nicht in Worte fassen“. Man muss selbst dort gewesen sein, um den DDR-Unrechtsstaat wenigstens ein wenig begreifen zu können.
Danach warteten vier Stunden Freizeit auf uns, in der wir nach Belieben durch Berlin streifen und noch einige Stationen der Stadtrundfahrt genauer erkunden oder (was nicht anders zu erwarten war, wir sind ja schließlich eine Mädchenklasse!) shoppen gehen konnten.
Der Abend hielt - ganz im Sinne unserer in erster Linie politisch-historisch ausgerichteten Seminarfahrt - ein besonderes verpflichtendes kulturelles Programm für uns bereit. Wir besuchten die DISTEL, die sich selbst als den „Stachel am Regierungssitz“ bezeichnet und als Deutschlands größtes Ensemble-Kabarett scharfe politische Satiren bietet. Das ausgewählte Programm „Das Guido-Prinzip“ bot dann auch tatsächlich knallhartes politisches Kabarett.
Da dies unser letzter Abend war, ließen wir ihn alle zusammen nach dem Kabarett in einer Gaststätte ganz in der Nähe unserem Hostels fröhlich ausklingen. Als ein Rosenverkäufer in dem Lokal auftauchte, ergriff unsere Oberstufensprecherin die Initiative und kaufte für unsere Begleitlehrkräfte je eine rote Rose, um sich in unserem Namen für die wundervollen Tage in Berlin zu bedanken.
Am letzten Morgen verabschiedeten wir uns von den „guten Geistern“ unseres Hostels, die uns sehr für unseren Anstand und unsere Freundlichkeit lobten. So etwas hörten wir natürlich sehr gern!
Als letzter Punkt stand noch der Besuch im Neuen Museum an, denn wenigstens „ein Museum in Berlin muss sein“ (Herr Wissel) Wir sollten nicht nach Hause kommen, ohne einen Blick auf die „schönste Frau Berlins“, auf Nofretete, geworfen zu haben. Wir bestaunten neben ihr unter anderem auch noch den „Grünen Kopf“ und viele weitere Schätze aus der ägyptischen Geschichte.
Wie Berlin uns bei unserer Ankunft begrüßt hatte, so verabschiedete es sich auch: mit einer Sonne am strahlend blauen Himmel, mit warmem Wetter und einer leichten Brise von der Spree.
Ich möchte mich noch im Namen der gesamten Q11 bei unseren beiden Lehrkräften bedanken, die uns nach Berlin begleitet haben. Sie waren die beste Begleitung, die wir uns hatten wünschen können. Sie boten ein anspruchsvolles und dicht gedrängtes Programm, gaben uns aber immer auch entsprechend Freizeit, um selbst Berlin zu erkunden und fanden für alle unsere Wünsche einen Kompromiss. Wir waren beeindruckt von ihrem ungeheuren Wissen und ihrem Verständnis.
Berlin war tatsächlich so toll, wie wir uns die Stadt vorgestellt hatten. In den vier Tagen, die wir dort verbracht haben, haben wir mehr gelernt, als man es vorher für möglich gehalten hat.
Wir hoffen nun, dass wir mit unserer Hartnäckigkeit dafür sorgen konnten, dass die Berlinfahrt wieder Gehör im Elternbeirat findet und auch den uns nachfolgenden Jahrgängen angeboten wird. Die Fahrt ist an Wissen und Eindrücken über die deutsche Vergangenheit und die Politik der Gegenwart nicht zu übertreffen, und wir haben gelernt, dass man Vieles erst selbst gesehen haben muss, um es wirklich zu begreifen. Den kommenden Jahrgängen an der MWS sollte diese Erfahrung nicht vorenthalten werden.
Laura Bachmann, im Namen aller Berlinfahrerinnen aus der Q11