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Die große Pracht des Klangs
Klassik: Bachs Weihnachtsoratorium zum Abschluss des 200-jährigen Bestehens der Musikschule Aschaffenburg
ASCHAFFENBURG. Fünf Paukenschläge, auftrumpfend und freudig, gefolgt vom Jubel der Geigen und Trompeten, und dann, als ob ein Vorhang aufginge, erweitert der Chor das instrumentale Vorspiel zum festlichen aufrauschenden Tableau: »Jauchzet, frohlocket!« Mit einer glanzvollen Aufführung der ersten drei Kantaten von Johann Sebastian Bachs (1685 bis 1750) Weihnachtsoratorium ging am späten Sonntagnachmittag in der Stadthalle die Reihe der 150 Sonderveranstaltungen mit weit über 10 000 Besuchern anlässlich des 200-jährigen Bestehens der Aschaffenburger Musikschule zu Ende. Mit diesem Schlussakkord habe ihre Leiter Stefan Claas ein Experiment mit offenem Ausgang begonnen und nicht nur ein kleines, sondern sogar ein großes Wunder vollbracht, sagte Kulturamtsleiter Fleckenstein in seiner Laudatio.
Foto: Stefan Gregor
Jauchzen und frohlocken: Zum Abschluss des Jubiläumsjahres »200 Jahre Musikschule Aschaffenburg« brachten Orchester und Chor der Städtischen Musikschule unter der Gesamtleitung von Stefan Claas in der Stadthalle Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium. Foto: Stefan Gregor
 
Bei diesem Wunder war die Musikschule unter Leitung von Stefan Claas zu einer hoch motivierten Einheit aus Lehrern, Eltern, Schülern, Ehemaligen und Freunden, mehr noch, zu einer Familie zusammengewachsen. Und diese Verbundenheit war deutlich an der Intensität zu spüren, mit der dieses musikalische Fest bereitet wurde.
Stefan Claas entfaltete mit den für die drei Weihnachtsfeiertage gedachten Kantaten, für die Bach auch eigene weltliche Kompositionen benutzte, eine Fülle, in der er auch immer wieder die anrührende Innigkeit betonte. Auf diese Weise verknüpfte er die Schlichtheit des Lukasevangeliums mit dem festlichen musikalischen Gepränge, dessen Schönheit die Geburt Christi feiert. Gleich zu Beginn verstand er es, aus dem pulsierenden Rhythmus der Eröffnung heraus einen prachtvoll ornamentalen Bogen aufzubauen hin zum einsetzenden Chor am dritten Tag, der mit »Herrscher des Himmels«, erneut von der Pauke begleitet und, wiederum groß auftrumpfend, beginnt und ebenso hymnisch endet.
 
Das Grundmuster des Oratoriums aus Erzählung des Evangelisten, betrachtenden Rezitativen, Arien und Chören wird auf diese Weise strahlend beleuchtet und dabei aber immer auch die volkstümliche Frömmigkeit betont, welches dem ganzen Werk zu eigen ist. Schon bei dem Rezitativ des Evangelisten »Es begab sich aber zu der Zeit…« ließ der Tenor von Udo Rickert jene Schlichtheit aufblühen, welche das Weihnachtsevangelium menschlich nahe bringt. Seine Stimme legte sich einfühlsam, aber mit großer Klarheit um die immer von Neuem das Wunder der Menschwerdung beschreibende Textstelle »Und sie gebar ihren ersten Sohn…« und leitete mit melodischem Ausdruck zu den folgenden Arien und Chorälen über.
 
Das leichte Dirigat von Stefan Claas überfrachtete die große musikalische Vielfalt nicht, sondern führte sie zu immer neuen Höhepunkten, so bei der berühmten Alt-Arie »Bereite dich Zion «, die Julia Diefenbach mit der Selbstverständlichkeit der volkstümlichen Melodik nachempfand. Vor allem aber bei der Arie »Schlafe mein Liebster« schmückte ihr Alt den Text mit einem schwebenden Einsatz und ließ ihn verhalten und wie einen Zauber ausklingen. Gerade hier, am zweiten Weihnachtsfeiertage, der mit einer von zärtlichen Farben ausgekleideten Sinfonia beginnt, die wie eine von Engeln gespielte Schlafmelodie klingt, zeigte sich die ganze Kunst des Dirigenten.
 
Das Orchester der Musikschule erfüllte wie ein Flügelrauschen den Raum, glitt auf und ab, die Chöre jubelten und die Musik fügte sich zu einem einzigen Fest zusammen, in dem der Sopran von Britta Hahn bei dem Rezitativ »Und der Engel sprach zu ihnen « glockenhell erklang und der Bass von Armin Gottstein markante Akzente setzte mit »Was Gott dem Abraham verheißen« und »So recht, ihr Engel, jauchzt und singt«.
 
Die volle Schönheit des Weihnachtsoratoriums entfaltete sich immer dann, wenn der Chor sich mit großer Pracht ausbreitete und das Orchester mit den Solisten Sebastian Michaeli (Pauken), Barbara Pöggeler- Möller (Violine), Andreas Lippert (Violoncello), Querflöte (Martina Buller) und Manfred Bockschweiger (Trompete) mit seinen Klangfarben prunkte. »Jauchzet, frohlocket«: die Zugabe sprach aus dem Herzen. Anneliese Euler
 
Main-Echo vom 14.12.2010
 

  

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Hintergrund: Bachs Weihnachtsoratorium
Das Weihnachts-Oratorium (BWV 248) von Johann Sebastian Bach zählt zu den am meisten gespielten klassischen Kompositionen während der Advents- und Weihnachtszeit. Das Werk ist ein sechsteiliges Oratorium für Soli, gemischten Chor und Orchester. Die einzelnen Teile wurden erstmals vom Thomanerchor in Leipzig in den sechs Gottesdiensten zwischen dem ersten Weihnachtsfeiertag 1734 und dem Epiphaniasfest 1735 in der Nikolaikirche und der Thomaskirche aufgeführt. Bach verwendet im Weihnachts-Oratorium dieselben musikalisch-dramatischen Formen wie in seinen oratorischen Passionen (Matthäus- und Johannes-Passion) und Oratorien (Himmelfahrts-Oratorium und Oster-Oratorium), legt den Schwerpunkt aber auf das Lyrische und Besinnliche.
Main-Echo vom 14.12.2010
 
 

  

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