Nervennahrung und Gebet zum Abi-Start
Reifeprüfung: An der Maria-Ward-Schule schreiben 75 Mädchen ihren Abschluss - Aufgaben per Boten
Aschaffenburg In der Nacht vor der ersten Prüfung ist Bernd Zehendner immer noch angespannt - obwohl er sein Abitur vor Jahrzehnten abgelegt hat. "Ich hoffe immer, dass gescheite Aufgaben dabei sind", sagt der Mathematiklehrer an der Maria-Ward-Schule. "Als Lehrer fiebert man mit seinen Schülerinnen mit." Die jungen Frauen sitzen seit zehn Minuten in drei Klassenräumen im vierten Stock und schreiben ihre Grundkursprüfung.
Für 31 000 bayerische Schüler war gestern der erste Tag ihrer Abiturprüfung - auch für die 75 Schülerinnen an der Maria-Ward-Schule und ihre Kollegen in den drei anderen Aschaffenburger Gymnasien.
Wir wünschen Euch viel Kraft und wissen, dass Ihr's schafft! David und Michi, Daumendrücker Der Abiturmorgen dort ist ein ganz besonderer: Vor der Tür hängt ein rosa Betttuch, gemalt von David und Michi. Sie feuern Alena und Carolin an: "Wir wünschen Euch viel Kraft und wissen, dass Ihr's schafft!" In der Aula sind die Glastüren mit selbst gemalten Plakaten tapeziert. Überall Aufmunterungen und Anfeuerungen. Auf einem sogar ein Foto aus unbeschwerten Tagen: mit Riesenschultüte am ersten Schultag.
Die Schülerinnen, deren letzter Schultag immer näher rückt, lächeln noch. Im vierten Stock ziehen sie ein Platzkärtchen und warten, dass es endlich neun Uhr wird. Oberin Schwester Deborah hat ein Gebet für sie geschrieben. Es macht deutlich, dass es beim Abitur zwar um eine wichtige Prüfung geht, aber um keine, von der das Leben abhängt. Schulleiter Burkard Bauer, Stellvertreterin Alexandra Zengel und Kollegstufenbetreuer Zehendner beten vor. "Wir danken Dir für die Momente in unserer Schulzeit, in denen wir spüren durften, dass wir als Menschen angenommen sind", heißt es darin.
Mit den Lehrern füllen die Schülerinnen das Deckblatt aus. "Haben Sie auch das richtige Fach?", scherzt Burkhard Bauer. Dann gehen die Mädchen an die Aufgaben. Was soll auch schief gehen? Die Fünftklässlerinnen haben schon vor einer Woche für die Großen einen Mutmach-Gottesdienst gefeiert.
Die 12. Klasse hat Kuchen gebacken. Im Gang wartet er als schokoladige Nervennahrung. "Wir wollen zeigen, dass wir hinter den Abiturientinnen stehen", erklärt Burkhard Bauer, warum sich die ganze Schulfamilie so viel Mühe macht am ersten Prüfungstag.
Die Aufgaben des Zentralabiturs verschickt das Kultusministerium nicht per Post: Sie kommen per Boten und werden dann in einem Panzerschrank verschlossen. Bauer hat die versiegelten Umschläge frühs selbst geöffnet und von 6.45 Uhr an die Matheaufgaben mit den Kollegen durchgerechnet. Um 12 Uhr geben die Schülerinnen ihre Aufgaben ab - der Deutsch-Grundkurs hat eine Stunde länger Zeit. Übernächste Woche, wenn die schriftlichen Prüfungen vorbei sind, kann auch Bernd Zehendner wieder ruhig schlafen. Bis nächstes Jahr.
Fee Berthold
Main-Echo 2008