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Blick ins Zwiebelherz

Die Maria-Ward-Schule hat Ibsens »Peer Gynt« verjüngt

Aschaffenburg. Sie haben nicht zu viel versprochen, wahrlich nicht. Aus einem langatmigen, einem sperrigen Stück der europäischen Moderne haben gut 100 Schülerinnen der Maria-Ward-Schule am Donnerstag im Stadttheater ein eigenständiges, neues Kunstwerk geschmiedet. Sie haben Tanz und Musik, Chorgesang und Schauspiel verwoben und aus Henrik Ibsens »Peer Gynt« ihren eigenen gemacht: innovativ, intelligent, beeindruckend.

Dabei stand am Anfang der Blick zurück ins Jahr 1876. Damals wurde Ibsens Stück uraufgeführt; die musikalische Begleitung hatte Edvard Grieg komponiert. Erst später entwickelte er aus der Bühnenmusik seine »Peer-Gynt-Suiten«; das Stück selbst wurde schon bald ohne Musik aufgeführt.

Bergkönig und Morgenstimmung

Doch die Maria-Ward-Schule wollte Suiten und Stück wieder zusammenfügen. Mehr noch: Nicht nur die »Halle des Bergkönigs« erfüllt das Orchester unter Leitung von Annette Schupp mit Leben, nicht nur »Morgenstimmung« verbreiten die Geigen. Auch zusätzliche Einlagen vertiefen die Stimmungen der Handlung - sei es das schwedische Volkslied »Ut i vår hage« oder Sinatras »Something Stupid«. Neu sind auch die Tanzeinlagen, die unter Anleitung von Wiltrud Horvacki entstanden sind und sich homogen ins Ganze fügen.

»Die Wurzel aus Peer Gynt« hat Regisseur Thomas Gommert seine Version genannt, die sich aufs Wesentliche beschränkt. Im Fokus steht Peer: ein Blender, ein Möchtegernheld. Er will mehr sein, als er ist, und es zieht ihn fort in die Welt. Was ihn auf sich selbst zurückwirft, sind immer wieder die Frauen in seinem Leben. Sie sind weiblich-statisch, an ihrem Ort verwurzelt, sie können gar nicht Schritt halten mit diesem Kerl: Seine Mutter Åse (Anna Sophie Roth) hätte ihn gerne als Retter aus der Not, Ingrid (Rebecca Kohnen) will ihn durch die Ehe binden - doch man kennt das von jungen Männern, die nichts mehr scheuen als Verbindlichkeit: Peer macht sich davon.

Einmal wird es eng

Er tut das wieder und wieder, und es wird nur einmal wirklich eng für ihn: Als er Greena (Angela Timpe), die Tochter des Unterweltbosses (Anand Krishna), schwängert. Und später im Leben, nachdem er reich geworden und auch schon wieder tief gefallen ist, wird er tatsächlich selbst einmal sitzen gelassen: Von der geheimnisvollen Anitra, fordernd-forsch gespielt von Wanda Ziembinski.

Doch während all der Jahre schafft es nur die schlichte Solvejg (Amelie Jakob), das Herz zu berühren, das Peer so sorgfältig unter ungezählten Schichten Eitelkeit und Lüge verborgen hält. Und Peer braucht lange, bis er sich in seinem Zwiebelherz so weit vorgetastet hat, dass er auch Solvejg endlich einlässt.

Jungenhafter Charme

Was für ein »Peer Gynt« also - und was für ein Peer: Thomas Christof siedelt seine Rolle zwischen jungenhaftem Charme und prolligem Getue an, spielt mit Witz, Tiefe und behänder Körperlichkeit. Die Last, das Stück weitgehend allein auf seinen Schultern tragen zu müssen, trägt er, als ob sie keine wäre.

Über alldem gelingt »Die Wurzel aus Peer Gynt« zur künstlerisch anspruchsvollen Produktion, zur Coming of Age Story, die einer Schule hervorragend ansteht: Denn hier steht Reflexion neben Spielfreude; Spaß an der Musik neben dem Kennenlernen großer Orchesterliteratur.

Auffallend stark präsentiert sich der Schulchor: Unter Leitung von Renate Binschek gestalten die Sängerinnen immer wieder die Kulisse für Peers Abenteuer. Die Art, wie der Chor in die Handlung integriert wird, zeigt, dass hier mit den Mitteln der großen Bühnen gearbeitet wird. Der Einsatz von Licht und Bühnenbild (Werner Kiesel) transportiert Stimmungen und schafft die Freiräume, die Peer so unermüdlich sucht.

Ebenfalls mit viel Gespür für den großen Bühnenraum hat Wiltrud Horvacki die Tänze erarbeitet, die die Handlung reflektieren und verdeutlichen. Ob in der Formation oder als Solotanz (Bemerkenswert: Eva Marilena Schmidt als Mutter Åse), der Tanz vermittelt Spannung und schafft zugleich Ruhepole, setzt so Akzente im Stück.

Herausragend: Elena Wagner und Jaqueline Hock, die den Peer Gynt und die Solvejg tänzerisch darstellen. Mit Anmut, Kraft und innerer Ruhe tanzen sie die Entwicklung und die Gefühle der beiden Charaktere, die über so viele Jahre auseinander driften und doch immer zueinander streben.

Moni Münch
Main-Echo vom 14.07.2007


    

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