
Prüfstein für das Haus Europa
Mutig-Preisträger Bischof Franjo Komarica spricht mit Gymnasiasten über Bosnien
Aschaffenburg. »Wir sind wie Stroh unter den Pferdehufen der Eroberer, wie Steine unter den Füßen der Buben auf der Straße.« In starken Bildern schilderte der diesjährige auswärtige Mutig-Preisträger Bischof Franjo Komarica vor Schülerinnen der Maria-Ward-Schule und am Dalberg-Gymnasium die nach wie vor desolate Lage vieler Menschen in seiner Heimat Bosnien-Herzegowina.
Auch elf Jahre nach dem Vertrag von Dayton gebe es keinen gerechten Frieden, sagte der Bischof der Diözese Banja Luka. Er hatte die Stadt während des drei Jahre dauernden Bosnienkriegs trotz größter Lebensgefahr nie verlassen, weil er den Menschen dort beistehen wollte, egal ob Christen oder Moslems, ob Serben, Kroaten oder Bosniern.
Fast 95 Prozent der ehemals 73.000 Katholiken in der Diözese wurden von den bosnischen Serben vertrieben und über 400 Zivilisten, darunter fünf Priester, getötet. Fast alle Kirchen in der Diözese wurden gezielt zerstört oder beschädigt, ein Drittel der Klöster, Gemeindezentren und anderen kirchlichen Gebäude wurde dem Erdboden gleichgemacht. Der Wiederaufbau sei mühsam, sagte der Bischof. Sein kleines Land sei auf sich allein gestellt und müsse ohne großzügige Hilfe wie etwa einem Marshallplan für Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg zurechtkommen.
Viele Jugendliche in seiner Heimat wünschten, sie könnten das Land verlassen, um anderswo mehr Freiheit und ein normales Leben zu finden. Noch immer gebe es keine effektiven politischen, rechtlichen und ökonomischen Regelungen. Der Bischof kritisierte die Großmächte scharf für die Vernachlässigung Südosteuropas. Der Krieg in Jugoslawien sei eine »blutige, furchtbare Übung der Machthaber der Welt auf unserem Rücken« gewesen, ein »Stellvertreterkrieg« um Macht und Profit, wie um den Zugang zum Erdöl am Kaspischen Meer.
Die Großen unter den Saaten müssten sich daran messen lassen, wie sie mit den Kleinen umgingen, meinte der Mutig-Preisträger. Bosnien-Herzegowina ist seiner Meinung nach ein Prüfstein für die Zukunft Europas. Wenn es nicht gelinge, in diesem kleinen Land die Menschenrechte für die unterschiedlichen Volks- und Religionsgruppen herzustellen, wie dann im großen Haus Europa? Er vermisse bei den Unterzeichnern des Vertrags von Dayton nach wie vor Glaubwürdigkeit, Redlichkeit, Einigkeit und Entschlossenheit.
Die Schülerinnen und Schüler hörten dem Gast sichtlich beeindruckt zu und wollten Einzelheiten seines Einsatzes für die Menschen in der Diözese wissen. Er sei mehrere Male entführt worden, erzählte Komarica. Einmal habe er geglaubt, nun sei sein Leben zu Ende. Zu seiner eigenen Überraschung habe er keine Angst gespürt, sondern nur die tiefe Überzeugung: »Ich bin bereit.« Wenn er mit seinem Tod auch nur einem Menschen das Leben retten werde, habe er gedacht, dann hätte er sich gelohnt.
»Wir sind noch so jung, was können wir erreichen?«, wollte ein Zehntklässler am Dalberg-Gymnasium wissen. Der Bischof sagte, schon Kontakte zwischen einzelnen Jugendlichen in Deutschland und seiner Heimat seien ein Beitrag zur »Kette der tatkräftigen Solidarität für eine bessere Zukunft aller Menschen und Völker in Europa«.
Der Leiter des Dalberg-Gymnasiums Dr. Georg Bauer hat sich bereit erklärt, E-Mail-Adressen auszutauschen. An der Maria-Ward-Schule wird nun über eine Schulpartnerschaft mit einer der beiden von Komarica eingerichteten katholischen Schulen in der Diözese Banja Luka nachgedacht. Sportlehrerin Wiltrud Horvacki spricht fließend Kroatisch und eignet sich hervorragend als Kontaktperson.
Melanie Pollinger
Foto: Harald Schreiber
Main-Echo vom 27.11.2006