»Das typische Pubertätsgefühl ändert sich nicht«
Die Autorin Mirjam Pressler über junge Leser, die hohe Kunst des Stillsitzens und über Anne Franks verlegerisches Talent
Aschaffenburg. Mirjam Pressler sitzt im ehemaligen Musiksaal der Aschaffenburger Maria-Ward-Schule und liest aus einem ihrer Lieblingsbücher, »Malka Mai«. 2001 hat sie diesen Jugendroman geschrieben, heute fesselt er die Schülerinnen der siebten und achten Klassen. An der Maria-Ward-Schule war die Autorin zwei Vormittage lang zu Gast. Nachmittags erzählte sie Moni Münch mehr: Über die Jugendlichen, für die sie schreibt; über ihre Arbeit, die sie liebt und über Anne Frank, die sie fasziniert.
Sie verbringen viel Zeit auf Lesereisen - alleine in fremden Städten, ständig unter Termindruck. Warum tun Sie sich das an?
Weil es mir zum Teil sehr viel Spaß macht. Ich lese sehr gerne vor. Ich mag besonders gerne Jugendliche in dem Alter, in dem sie sonst niemand so sehr mag, weil sie so schweigsam sind und so schwer zu packen. Ich beobachte das gerne: Kriege ich sie oder kriege ich sie nicht? Und es ist Leseförderung, zu der wir eigentlich alle verpflichtet sind. Trotzdem muss ich aufpassen, dass es nicht zu viel wird. Ich gehe nur im Frühjahr und im Herbst auf Lesereise.
Ihr erstes Buch, »Bitterschokolade«, kam 1980 auf den Markt. Hat sich seitdem das Publikum verändert?
Ja. Wobei ich nicht das Leseverhalten meine, sondern die Schulklassen an sich. Sie waren am Anfang wesentlich disziplinierter. Es gibt jetzt häufiger unruhige Schüler. Man merkt einfach, sie können nicht stillsitzen - was mich nicht besonders stört, ich kann?s auch nicht. Aber ich glaube nicht, dass sich die Jugendlichen in ihren Gefühlen wesentlich verändert haben. Das typische Pubertätsgefühl, ausgegrenzt zu werden oder der Wunsch, so zu sein wie die anderen - das ist gleich geblieben und ändert sich wohl auch nicht.
Ist auch ihr Verhältnis zum Schreiben mittlerweile ein anderes?
Ja, schon. Zumindest die ersten Bücher habe ich so geschrieben, wie ich glaubte, dass ein Jugendbuch sein soll. Und das hat sich zum ersten mal bei »Novemberkatzen« 1982 geändert. Da habe ich gemerkt, dass Bücher schreiben nicht nur bedeutet, dass man hinterher ein Buch in der Hand hält. Sondern es hat etwas mit mir zu tun, sehr viel sogar.
Sie schreiben also nicht für einen äußeren Anspruch?
Ich schreibe nicht für einen Leser, sondern ich schreibe für mich. Es sind meine Ansprüche und Bedürfnisse, die ich befriedigen muss. Ich bilde mir ein, wenn es mich interessiert, wird es ein paar andere auch interessieren. Das ist bisher auch so gelaufen. Aber das ist auch logisch: Es gibt so viele verschiedene Bücher; wenn mir etwas gefällt, kann ich davon ausgehen, dass es jemand anderem auch gefällt. Und den Anspruch, dass es allen gefällt, den habe ich auch gar nicht.
Bestimmte Themen tauchen in Ihrem Werk immer wieder auf: Die nationalsozialistische Vergangenheit oder das Thema schwierige Kindheit. Woher kommt das?
Mein eigentliches Thema ist die beschädigte Kindheit, das ist einfach biografisch bedingt. Jeder schreibt im Grunde über ein großes Thema, das er in allen möglichen Formen variiert.
Und die Kunst ist es, das so zu schreiben, dass es nicht mehr nur auf einen selbst zutrifft?
Das ist richtig. Es gibt sehr viele Leute, die nur ein einziges Buch schreiben und das ist der Bericht über ihre beschädigte Kindheit. Diese Leute haben den Schritt der Distanzierung nicht gemacht. Dieses Distanzieren, eine Figur zwischen sich und den Leser zu stellen, ist der notwendige Schritt, um eine Distanz zum eigenen Erleben zu gewinnen.
Entstehen auf diese Weise nicht relativ problembeladene Bücher?
Ja, wobei ich diesen Ausdruck nicht mag. Denn problembeladen sind eigentlich alle Bücher. Es gibt kein Buch, das kein Problem hat. Die Frage ist nur, was für Probleme es sind.
Woher also nehmen Sie Ihre Themen?
Das ist bei jedem Buch eine andere Geschichte, Malka Mai - ein Buch über das Schicksal eines jüdischen Mädchens im Ghetto - basiert zum Beispiel auf einer wahren Begebenheit, die mir zugetragen wurde mit der Bitte, ich möge sie aufschreiben. Aber in der Regel habe ich kein Thema im Kopf, wenn ich anfange zu schreiben. Aber ich arbeite sehr viel. Das heißt: Ich fange an, lese wieder durch, fange von vorne an, ändere - und so entwickelt sich das langsam.
Sie schreiben nicht nur Jugendbücher, sie haben auch für Erwachsene und für Kinder geschrieben. Welche Leser sind Ihnen die liebsten?
Meine wichtigste Zielgruppe sind Jugendliche und Erwachsene. Das richtet sich stark nach dem Alter der Hauptfigur, denn ich schreibe fast immer von einer Figur aus.
Die bekannteste Figur, deren Blickwinkel sie eingenommen haben, ist Anne Frank. Wenn man sich so lange mit einem Thema beschäftigt, dann muss da irgendwas sein, was einen festhält.
Anne Frank hat mich wahnsinnig und lange fasziniert. Sie hat ja zwei Versionen ihres Tagebuches geschrieben: eine normale Fassung und ab 1944 eine, die sie zur Veröffentlichung vorgesehen hat. Sie hatte längst in ihr Tagebuch geschrieben, dass es ihr Traum sei, Journalistin und Schriftstellerin zu werden. Und 1944 schreibt sie, sie könne sich gut vorstellen, später ein Buch über ihr Leben im Hinterhaus zu schreiben. Kurz darauf hat sie angefangen, ihr eigenes Tagebuch im Hinblick auf die Veröffentlichung abzuschreiben. Da merkt man, dass sie sehr wohl den Unterschied verstanden hat zwischen einem Tagebuch, das man für sich selbst schreibt und einem, das für andere bestimmt ist. Sie hat also nicht nur abgeschrieben: Sie hat Sachen weggelassen, sie hat Einträge zusammengefasst und sie hat vieles neu dazu geschrieben.
Wie alt war sie da?
Sie war 13, als ihre Familie untergetaucht ist. Mit 15 ist sie umgebracht worden. An ihrem Umgang mit der zweiten Tagebuchfassung merkt man, wie viel erfahrener sie innerhalb dieser zwei Jahre geworden war. In der historisch-kritischen Ausgabe der Tagebücher werden die verschiedenen Versionen Szene für Szene gegenübergestellt. Version A ist das ursprüngliche Tagebuch, Version B, was sie später geschrieben hat. Und dann gibt es noch Version C: Was tatsächlich veröffentlicht worden ist.
Also das, was Annes Vater Otto Frank zur Veröffentlichung ausgewählt hat?
Richtig. Es ist unglaublich spannend zu sehen, warum sie was weggelassen hat, was sie hinzugefügt hat und warum das so nicht veröffentlich wurde. Am Anfang hat sie wahnsinnig viel geändert und wahnsinnig viel dazu geschrieben. Gegen Ende unterscheiden sich Version A und Version B manchmal nur um wenige Wörter. Sie hat auch unglaublich viel geschrieben. Bei der Handschriftenvergleichung wurde herausgefunden, dass sie an manchen Tagen 60 Seiten geschrieben hat. Aber sie hatte auch nichts anderes: Dieses Tagebuch war ihr Ersatz für Freunde, fürs Weggehen und für alles, was Jugendliche sonst haben.
Warum sollten Jugendliche Anne Franks Tagebuch heute noch lesen?
Es ist für mich ein unglaublich ehrliches, offenes Pubertätsbuch. Besser als jedes andere, das ich kenne. Ihre Entwicklung vom Kind zur jungen Frau, die natürlich sehr schnell vor sich gegangen ist, weil sie auf sich geworfen war, ist bemerkenswert.
Es ist nicht nur eine Pubertätsgeschichte, es ist auch eine Geschichte mit jüdischem Hintergrund. Woher kommt Ihre Affinität zum Judentum?
Ich bin Jüdin, aber das ist nicht der Grund. Der Grund ist sicherlich, dass ich die Judenvernichtung für das Schlimmste halte, was je passiert ist. Der Holocaust hat das letzte Jahrhundert bestimmt und wirkt sich bis in unsere Zeit aus. Die politische Landkarte Europas hat sich verändert und der Einfluss ist immer noch spürbar. Außerdem fehlen rund sechs Millionen Juden, ganze Familien fehlen.
Also Schreiben Sie auch gegen das Vergessen?
Ja.
Welcher Teil ihrer Arbeit hat Sie am meisten geprägt?
Am meisten geprägt hat mich Lesen, ganz eindeutig. Ich habe immer wahnsinnig viel gelesen, Lesen war für mich das Wichtigste überhaupt. Ich wüsste nicht, was ich im Kopf hätte, wenn ich keine Leserin gewesen wäre.
Und was lesen Sie?
Das ändert sich ständig. Im Moment schätze ich Lizzie Doron sehr. Es gibt zwei Bücher von ihr, die ich auch übersetzt habe. Ich mag aber auch Zeruya Shalev, Thomas Bernhard oder Paul Auster.
Wenn Sie gerade nicht lesen: Woran arbeiten Sie im Moment?
Ich habe gerade ein Manuskript fertig, das im Herbst erscheinen soll. Ich bin unglaublich gespannt, was für Reaktionen es haben wird, weil es mal wieder etwas ganz Anderes ist. Es heißt »Golem stiller Bruder« und dreht sich um den Golem von Prag. Das Thema hat mich schon lange interessiert: Ich habe immer wieder daran gedacht, wenn ich über geklonte Tiere gelesen habe. Da kam mir oft die Überlegung: Wie weit darf der Mensch in seiner Anmaßung gehen? Dafür ist mir der Golem ein schönes Symbol.
Main-Echio vom 02.04.2007