Sonntag, November 23, 2014

Penz 2013

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Foto: Björn Friedrich

Vom Wolftöter und dem Stachelanker

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Vom Wolftöter und dem Stachelanker
Kleinkunst: Cellistin Katrin Penz begeistert mit Soloprogramm »Einmal Pferdehaar, bitte!« im Ertaltheater

ASCHAFFENBURG. »In meinem Cello wohnt ein Wolf.« Mit dieser Behauptung hat Katrin Penz (45) schon viele ihrer Schüler neugierig gemacht. Nun bringt die in Sulzbach lebende Diplom-Musikpädagogin mit ihrem Insiderwissen auch das Publikum von Kleinkunstbühnen zum Staunen und Schmunzeln. Jüngst geschehen am Freitagabend im voll besetzten Bistro des Aschaffenburger Erthaltheaters. Dort trat Penz zum ersten Mal mit ihrem kompletten Soloprogramm »Einmal Pferdehaar« auf. Bereits im Dezember hatte sie einige Kostproben in der alten Knabenschule in Stockstadt gegeben (wir berichteten).

Die gebürtige Görlitzerin überzeugte schon damals mit anregender Plauderei und Pantomime und garnierte die unterhaltsame Instrumenten-Kunde obendrein mit einigen musikalischen Sahneklecksen. Am Freitag stellte Penz erstmals die gesamte Menagerie rund ums Cello vor. Dazu gehört beispielsweise der Frosch, jenes Bauteil am Bogengriff, an dem die – echten – Pferdehaare befestigt sind. Die Kugelmäuse, die sich im Innern des Instruments, zwischen Fichtendecke und Ahornboden, immer neu aus Hautschuppen, Härchen und Holzfasern zusammenballen, waren Gegenstand eingehender Betrachtung – hinter Glas, aus hygienischen Gründen.

Den Wolf in ihrem Cello indes konnte Penz nicht ans Licht befördern. Denn dieser ist unsichtbar, nur hörbar, und auch nur dann, wenn kein Wolftöter – ein Metallröhrchen »für 10,30 Euro« – die befallene Saite entstört. Penz zitierte aus Wikipedia: Beim Phänomen »Wolfton« handele es sich um eine »problematische Reaktion eines Streichinstruments beim Spielen einer bestimmten Note«. In ihrem Cello würde der Wolf – ohne Töter – beim E, F und Fis ganz schaurig heulen und grollen, verriet Penz.

Das hörte sich alles so lebendig an, dass man es garantiert im Gedächtnis behielt. Auch die Celloschüler und Profimusiker im Publikum – unter anderem der Cellist Andreas Lippert und die Pianistin Mia Wüsthof-Seidel – freuten sich über die humorvolle Verpackung der bekannten Fakten. Kühlschranktemperaturen in Aschaffenburgs kalten katholischen Kirchen – von Penz »drei Ks« genannt – sind auch ihnen vertraut und ebenso die leidige Frage, was man anzieht für den großen Konzertauftritt. Eine Sorge freilich teilt Lippert nicht mit seiner Kollegin, die wie er im Aschaffenburger Collegium Musicum mitspielt: Penz würde so gern mal »wie die Querflötistin oder die Kontrabassistin « im schmalen schwarzen langen Kleid auftreten, am liebsten hochgeschlitzt – aber wegen der geforderten breitbeinigen Spielhaltung sei von der Taille abwärts »viel Stoff« unerlässlich für eine anständige Karriere. Ein romantisches rosa Kleid hatte Penz für den Programmteil nach der Pause angezogen,passend zu Schuberts »Ave Maria«. Mit diesem Stück führte die Cellistin den »Sordino« (Dämpfer) vor: eine kleine Holzgabel, die unter die Saiten geschoben wird. Himmlisch weich und leise klang das Musikstück.

Zuvor hatte die Cellistin eine Zuhörerin gebeten vorzuführen, wie störend gerade an leisen Musikstellen Geraschel mit allerlei Krimskrams in der Handtasche sein kann. Die Musikerin kostete es aus, vom Alltag ihrer Zunft zu erzählen, von Dingen, an die kein Zuhörer bei der Konzertgala denkt: zum Beispiel an den kräftezehrenden Transport des 80 Schokoladentafeln schweren Instruments auf dem Rücken durch allerlei niedrige Torbögen und enge Wendeltreppen in Kirchenbauten. Das halte fit, meinte Penz und führte zum Vergnügen der Zuschauer die damit verbundene Gymnastik vor.

Breite der Rückbank
Penz ließ die Busfahrten bei Glatteis während ihres Studiums in Dresden wiederauferstehen. Sie nahm die Zuhörer mit zum Autokauf, bei dem die Breite der Rückbank die entscheidende Rolle spielt. Und sie klärte darüber auf, was die Freundschaften eines Cellospielers wirklich erhält: ein Stachelanker. Mit diesem an einem Band befestigten Stück Holz, in das der Dorn des Cellos gesteckt wird, vermeidet der Spieler Schäden am teuren Parkett. All die Mühen mit dem großen, wunderschönen Instrument scheinen aber die Freuden aufzuwiegen. Sie habe ihren immerhin 96 Jahre alten Freund »innig lieb«, beteuerte Penz. Man kann sicher sein, dass es noch viele Geheimnisse über ihn zu enthüllen gibt. Eines war aber schon am Freitag klar, als die Zuhörer mit Stücken aus Bachs Solosuiten für Celloverwöhnt wurden: Die beiden sind ein perfektes Paar. Melanie Pollinger

 

Quelle: Main-Echo vom 15. Januar 2013

Berarbeitet von der MWS Homepage-AG (S.Ehls)

09.2011 Klassische Werke von Holger Blüder, Annette Bächler und Katrin Penz

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Virtuoser Auftakt: Klassische Werke im Alten Rathaus
Konzert: Holger Blüder, Katrin Penz und Annette Bächler eröffnen am Sonntag den diesjährigen Kulturwochenherbst
 MILTENBERG. Mit klassischen Werken von Ludwig van Beethoven, Joseph Haydn und Franz Schubert, dargeboten von Holger Blüder (Klavier), Annette Bächler (Violine) und Katrin Penz (Cello) beginnt der diesjährige Kulturwochenherbst. Das Instrumentaltrio der Musikschule Obernburg präsentiert am Sonntag, 18. September, um 18 Uhr im Alten Rathaus von Miltenberg herausragende kammermusikalische und solistische Werke. Zigeunertrio und Wanderfantasie Die drei engagierten Instrumentalpädagogen der Musikschule Obernburg werden Ludwig von Beethovens »Klaviertrio c-Moll, op. 1,3« sowie Joseph Haydns »Klaviertrio G-Dur – Zigeunertrio « spielen. Dazwischen zeigen sie mit verschiedenen Solostücken, unter anderem mit der »Wanderfantasie« von Franz Schubert, ihr Können. Holger Blüder, Leiter der Musikschule Obernburg, studierte an den Hochschulen in Düsseldorf und Würzburg. Er legte die staatliche Musiklehrerprüfung mit »sehr gut« ab und die Diplomprüfung »mit Auszeichnung«. Sein Studium beendete er mit dem Meisterklassendiplom und ergänzte seine Ausbildung durch Meisterkursen für Klavier und Kammermusik im Inund Ausland. Bei internationalen Klavierwettbewerben wurde er mehrfach als Preisträger ausgezeichnet. Außerdem wirkte er an fünf CD-Produktionen mit, die im Bayerischen, Hessischen und Französischen Rundfunk gesendet wurden. Katrin Penz studierte an der Musikhochschule Dresden, bevor sie an den Musikschulen Tübingen und Balingen einer Lehrtätigkeit nachging. Sie war stets Mitglied verschiedener Kammermusikgruppen, unter anderem dem Kantatenorchester Tübingen. Sie ist Mitglied im »Collegium musicum« Aschaffenburg und im Streichquartett »Con brio«. Seit 1996 unterrichtet sie in Obernburg. Annette Bächler studierte in Würzburg. Sie war Mitglied in renommierten Jugendorchestern wie dem European Union Youth Orchestra. Mit dem »Trio favori« konzertierte Bächler auf Konzertreisen unter anderem in Italien, Indonesien und der Schweiz. Seit 2010 arbeitet sie in Obernburg. Red  Ouelle:Main-Echo, 14.09.2011
Erstellt von der Schülergruppe MWS Homepage
(ce, as, eo)
 
  

>>Soli Deo Gloria<< - Musik zum Lobpreis Gottes

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Soli Deo Gloria« -Musik zum Lobpreis Gottes
Gesprächskonzert: Katrin Penz und Dr. Ursula Wachsmann präsentieren in der Friedenskirche Bachs Cellosonaten
 
OBERNBURG. Anlässlich von Bachs 325. Geburtstag seine Cellosonaten in der Friedenskirche zum Klingen zu bringen, war eine gute Idee der evangelischlutherischen Kirchengemeinde Obernburg mit Eisenbach, Elsenfeld, Großwallstadt und Mömlingen. Immerhin gut 40 Zuhörer konnten am frühen Sonntagabend selbst entscheiden, was ihnen heute noch diese Werke für Solocello zu sagen haben, die vermutlich um 1720 in Köthen entstanden sind, lange verschollen waren und erst gegen 1940 wieder so richtig durch PabloCasals ins Bewusstsein der Musikfreunde gehoben wurden.
 
Suiten voller Dynamik
Spätestens seit der Cellist Mstislaw Leopoldowitsch Rostropowitsch zwei Tage nach dem Fall der Berliner Mauer am Checkpoint Charlie auf der Straße aus den sechs Suiten spielte, waren diese Werke, deren Schwierigkeitsgrad von der ersten zur sechsten Suite sukzessive steigt, endgültig im Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit angekommen. Dass sie so lange vergessen waren und nur in einer einigermaßen zuverlässigen Abschrift von Bachs zweiter Frau AnnaMagdalena vorlagen, hat einen ganz einfachen Grund: Zu Bachs Zeiten waren die meisten Cellisten mit den Anforderungen der Suiten heillos überfordert.
Ganz und gar nicht überfordert war Katrin Penz, die sich seit ihrem sechsten Lebensjahr dem Cello verschrieben hat. Sie begann mit sechs Jahren in ihrer Geburtsstadt Görlitz mit dem Cellospiel und schloss schließlich ihr Musikstudium mit dem Diplom als Musikpädagogin in Dresden ab. Seit 1995 lebt sie in Sulzbach und lehrt hauptberuflich das Fach »Violoncello« an der Musikschule Obernburg und an zwei Aschaffenburger Gymnasien. Wie sieBachsSuitenpräsentierte,vomStart mit dem Präludium des GDur Suite bis zu den drei Tanzsätzen aus der besonders anspruchsvollen Suite V in cmoll, zeichnete sich durch kraftvolles, sauberes Spiel, durch klare, zupackende Interpretation und überzeugendes Herausarbeiten der Dynamik aus. Wer einige der zahllosen Einspielungen der Suiten von renommierten Interpreten gehört hat, merkte, dass die Künstlerin aus Sulzbach einen eigenen Weg bei ihrer Beschäftigung mit den Werken gefunden hat, eineeigeneLösungbeimUmgangmitden Fingersätzen und den Tempi, die dem Interpreten eigene Entscheidungen abverlangen.
 
Die Wärme der Musik
Linear und temporeich ist ihre Interpretation, bringt aber die Wärme und die Körperlichkeit der Musik überzeugendzumAusdruckundmachtauch klar, wie sich die einzelnen Suiten voneinander unterscheiden -nicht nur, was Dur und Moll betrifft. Es war sicher eine gute Idee, Tanzsätze aus unterschiedlichen Suiten hintereinander zu spielen und so ganz deutlich zu kontrastieren. Ein Ergebnis dieses Vergleichs: Die Suite III in CDur dürftebeieinerArt»Klassikhitparade«ganz weit vorne rangieren.
Ein »Gesprächskonzert« war angekündigt, und diesen Part übernahm Dr. Ursula Wachsmann, die Erwachsenenund Öffentlichkeitsbeauftragte der evangelischlutherischen Kirchengemeinde. Sie hatte sich dazu entschieden, zum BachJubiläum einen Überblick über seinen Lebensweg zu geben, zeichnete also mit vielen Details die Stationen zwischen Eisenach und Leipzig nach.
Dass Bach mit zehn Jahren Vollwaise war, dass er die Organistenstelle in Lübeck 1705 nur bekommen hätte, wenn er die Tochter Buxtehudes geheiratet hätte, dass er mit seiner ersten und seiner zweiten Frau insgesamt 20 Kinder hatte, von denen zehn aber schon sehr früh starben, dass er bei seinem Wechsel von Weimar nach Köthen1717vonseinemDienstherrn,dem Herzog Ernst August, wegen »Halßstarriger Bezeügung« zunächst in Haft genommen und dann unehrenhaft entlassen wurde, waren solche Details, die aber ganz interessante Lichter auf die Biografie Bachs warfen und durchaus Einsichten vermittelten.
 
Ein Meer der Kreativität
Die zentrale Erkenntnis: Bach komponierte seine Musik tatsächlich »Soli Deo Gloria«, zur höheren Ehre Gottes, unterzeichnete viele Kompositionen sogar mit dieser Phrase anstelle seines Namens. Nach den 80 Minuten in der Friedenskirche waren die Besucher einig, dass Ursula Wachsmann zu Recht Beethoven zitiert hatte, der über Johann Sebastian Bach voller Hochachtung urteilte: »Nicht Bach, sondern Meer sollte er heißen, wegen seines unendlichen, unerschöpflichen Reichtums an Tonkombinationen und Harmonien.« Heinz Linduschka
 

Aus dem Main-Echo vom 16.10.2010

  

Hubi kocht für ihre Freunde

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Fesselnde Erzählungen: Ganz still werden die Kinder, wenn Katrin Penz die Abenteuer von Hubi und ihren Freunden liest.   Foto: Daniela Tiggemann
  
Hubi kocht für ihre Freunde
Kinder-Hörbuch: Katrin Penz aus Sulzbach veröffentlicht ihre zweite CD mit Mäusegeschichten
SULZBACH. Hubi scheint es gut zu gehen unter Kindern. Vergnügt lächelt die graue Maus bei Lesungen in den Büchereien und Buchhandlungen, die helle Stimme klingt fröhlich. Das heißt: Die Stimme gehört eigentlich nicht ihr, sondern Katrin Penz, die spricht, weil Hubi eine graue Plüschmaus ist. Die Autorin hat das Kuscheltier aus der Enge eines Tankstellenshops befreit und schreibt ihm seit ein paar Jahren lustige Geschichten auf den Leib. Hubi, die Maus, ist nun schon zum zweiten Mal Hauptperson auf einer CD mit Kindergeschichten.
Die Musikerin Katrin Penz aus Sulzbach hat sich die Abenteuer des Knuddeltiers und seiner Freunde ausgedacht. Sie handeln von kleinen Alltagserlebnissen der Maus – und auch der Kinder selbst. Hubi kocht für Bommel, den Hasen, erntet mit Freddy, dem Waschbären, im Garten, baut mit Tucks, seinem Mausefreund, und Gerd, dem Igel, für Erna, die Eule, ein Gartenhaus, geht mit Freddy auf den Spielplatz und lädt Bubu, den Waldkauz, auf den Rummelplatz ein. Das Besondere an den beiden Hörbüchern ist ihre ruhige Atmosphäre, in der man sich ganz auf die Autorin und ihre Stimme konzentrieren kann. Auch in den Lesungen wie im März in der Eschauer Kinderbücherei, beherrscht die klare helle Stimme den Raum, keine Geräusche, keine Musik dringt in die Geschichten ein. Die überwiegend kleinen Kinder scheinen das sehr zu schätzen. Mucksmäuschenstill ist es im Raum mit 40 Kindern, nach jeder kleinen Geschichte beteiligen sie sich lebhaft am Gespräch, scheinen in Hubis Geschichten ihre eigenen Erlebnisse wiederzuerkennen.
Für die Maus ist Freundschaft sehr wichtig, jede Geschichte betont den Wert, den hilfsbereite Freunde haben. Auch die Autorin durfte Hilfsbereitschaft erleben von Freunden, die sich von der Aufnahmetechnik bis zum Design der Homepage und zur Patentanmeldung um die Maus und ihre Freunde kümmerten. So hat sie den Kopf frei für die Geschichten und ihre Lesungen. Wenn die 42-Jährige nicht gerade ihrem eigenen Beruf nachgeht als Cellistin in verschiedenen Aschaffenburger Orchestern und als Musiklehrerin an der Obernburger Musikschule. »Mir macht die Maus soviel Spaß«, erzählt sie mit glücklichem Lachen, »ich brauche nur deshalb Ferien, damit ich an Hubi weiter schreiben kann«.
Als Geburtstagsgeschenk gedacht Entstanden war die Idee zur CD als Geburtstagsgeschenk für Penz’ Mutter in Görlitz. Der Name für die Plüschmaus sprang ihr auf einem Autokennzeichen ins Auge – sie wusste sofort: »HU-BI – das ist es«, und gab ihrer Maus diesen Namen. Auch bei Kindern von Freunden kamen die Abenteuer der Maus gut an, so dass sie sie für das erste Hörbuch einlas. »Eine Logopädin hat mir bescheinigt, dass ich genau die richtige Stimmlage für Kinder hätte« und ihr im Alltag schneller Redefluss wird ruhig und langsam, wenn sie als Erzählerin fungiert. Keine der Geschichten dauert länger als sieben Minuten, das hält die Autorin für das Aufmerksamkeitsmaximum der meist kleineren Kinder.
Aber in diesen wenigen Minuten schweift ihre Fantasie durch die Alltagswelt ihrer Zuhörer.
Daniela Tiggemann
 
Main-Echo vom 9.4.2010 

 

  

Katrin Penz - Ein Interviev

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»Ich sehe mich noch in den Zug steigen . . . «

Katrin Penz: Die Cellistin aus Sulzbach am Main ist am 2. Oktober 1989 über Ungarn in den Westen geflohen - »Wir hatten einfach Glück«

 

Sulzbach am Main  Mit der Musik war es für lange Zeit vorbei, als Katrin Penz am Abend des 2. Oktober 1989 in Dresden in den Zug stieg. Ihr heimliches Ziel: der Westen. Die Cellistin, die heute in Sulzbach am Main lebt, floh aus der DDR über Ungarn nach Passau - und ließ ihr Leben, auch ihr musikalisches, zurück. Susanne von Mach fragte sie nach ihren Erlebnissen.

 

Wann haben Sie beschlossen die DDR zu verlassen?
Ich habe im Januar 1989 meinen damaligen Freund kennen gelernt. Er war von Anfang an wild entschlossen, das Land zu verlassen. Und ich war jung - 21 Jahre alt -, frisch verliebt und abenteuerlustig. Also habe ich gesagt: Okay,ich gehe mit.
Heute würde ich mit Sicherheit länger überlegen, aber damals... hat mir mein jugendliches Alter geholfen.

Warum sind Sie im Herbst geflohen?
Das weiß ich gar nicht mehr. Es war ja ein wenig Vorbereitung nötig, man musste zum Beispiel ein Visum für einen Urlaub in Ungarn beantragen, damit man von dort aus ausreisen konnte.

Sind Bekannte oder Freunde von Ihnen auch gegangen?
Nein, die sind alle dageblieben. Oder es hat zumindest keiner gesagt, dass er das Land verlassen will.

Als Ihr Freund ankündigte, er wolle die DDR verlassen - was haben Sie spontan gedacht?
Kann ich nicht mehr sagen. Sicher: Wenn Du meinst, dass das das Richtige für Dich ist, komme ich mit.
Er hatte großen Einfluss auf mich, und im Nachhinein muss ich sagen, dass es besser ist, wenn man einem Menschen keinen so großen Einfluss über sich haben lässt.
Niemand hat von unseren Plänen gewusst außer seinen Eltern. Meine Eltern haben es erst erfahren, als ich im Westen war.

Wenn Ihr Freund diesen Impuls nicht gegeben hätte...
... würde ich sagen, wäre ich nicht hier. Mir ging es ja gut in der DDR, ich hatte eine Stelle als Musikerin.
Ich bin sicher einer der Flüchtlinge, der die DDR nicht aus politischen Gründen verlassen hat. Doch es waren wahrscheinlich einige, gerade die in Urlaub im Ungarn waren und die gesagt haben: Die Gelegenheit ist günstig.
Man war sich ja nicht bewusst, was auf einen zukommt. Über die Tragweite dieses Entschlusses hat man nicht nachgedacht, wie viel Kraft man für einen Neuanfang braucht. Man fängt nicht bei Null, sondern bei Minus an.

Wenn Sie sich das überlegen, dass Ihnen die Tragweite nicht bewusst war: Was bedeutet das heute für Sie?
Ich würde es wahrscheinlich wieder so machen, weil ich ein Typ bin, den man überall hinpflanzen kann. Ich sage eher: Es wird schon gutgehen. Aber es ist schon sehr anstrengend und vielleicht würde ich es deshalb dann doch wieder nicht machen.

Inwiefern anstrengend?
Nun, wir mussten uns um alles selbst kümmern. Wir sind, wenn man so will, ins Blaue gefahren, hatten keine Adresse, gar nichts. Wir sind über Ungarn, Passau und Rastatt nach Tübingen gekommen. Dort kamen wir ins Auffanglager, wie man das aus dem Fernsehen kannte - also alles andere als nett. Da gab es ein Zimmer mit sechs Betten, Neonlicht - in der Soldatenkaserne, die hatte man schnell renoviert.
Wir mussten jeden Tag auf eine Behörde, wir wollten ja wieder arbeiten. Ich habe in der DDR eine volle Musikschulstelle einfach hinter mir gelassen. Dann habe ich durch Zufall einen Aushang gelesen, dass ein Kneipier eine Küchenhilfe sucht. Dort habe ich das erste halbe Jahr gearbeitet - und nicht als Musikerin. Das war schon hart.
Später sind wir dann in die Nähe von Tübingen gezogen, wo ich wieder als Musiklehrerin arbeiten konnte.
Wie haben die Tübinger Sie empfangen?
Unser Bus war der erste, der ankam und die Freude war groß, die Leute haben uns freundlich empfangen. Es gab auch ein Interview in der Zeitung, daraufhin haben sich wieder Kontakte ergeben zu Musikern. Das hat mich sehr geprägt, dass fremde Leute so offen auf uns zukamen.

Ihre Flucht muss doch unter großer Gefahr und Heimlichkeit passiert sein?
Schon. Wir saßen stocksteif im Zug von Dresden nach Budapest. Es hätte ja sein können, dass sie uns an der Grenze rausholen. Wir waren zu einem Zeitpunkt unterwegs, zu dem es nicht möglich gewesen wäre, die DDR zu verlassen. Ich war Musikpädagogin, es waren keine Ferien.
Wir hatten einfach Glück, dass der Zöllner nicht bei uns im Abteil war. In Dresden war jeder Waggon noch zu drei Vierteln voll, in Budapest saßen pro Waggon vielleicht noch zehn Leute. Wir haben erlebt, wie sie an der Grenze mehrere rausgeholt haben. Es war dunkel, regnerisch, die Leute standen am Bahnsteig und haben darauf gewartet, mit dem nächsten Zug wieder zurückzufahren. Die Zöllner standen mit Maschinenpistolen da. Es gab keine Möglichkeit sich zu widersetzen.

Sie waren an dem Montag ganz normal arbeiten?
Ja. Abends um 10 sind wir am Hauptbahnhof in Dresden eingestiegen. In Budapest sind wir ausgestiegen, haben am Fahrkartenschalter gesagt, wir wollen bis zur Grenze, weil wir über die grüne Grenze laufen wollten und uns dann durchschlagen. Im Nachhinein eine lustige Vorstellung, aber damals bitterernst. Die Fahrkartenverkäuferin hat uns eine Karte zu einem Wahnsinnspreis ausgehändigt - ich persönlich fand den Preis utopisch und hatte so meine Bedenken, ob da alles rechtens zugeht. Dann saßen wir im Zug und wollten an der Grenze zu Österreich aussteigen. Es kam aber ein junger Mann und sagte, ihr könnt sitzenbleiben, euch passiert nichts. Also haben wir das gemacht und waren Schwarzfahrer.

Und warum haben Sie ihm vertraut, dass er Recht hat?
Der hat so etwas Ruhiges ausgestrahlt. Er wusste vielleicht, dass der Schaffner kommt und sagt: Ihr könnt sitzenbleiben, die Bundesrepublik Deutschland bezahlt ab der Grenze die Fahrkarte. Der Schaffner war ein netter älterer Herr, der hat uns eine Fahrkarte nach Passau ausgestellt und meinte, dort stünde ein Auto, das uns in Auffanglager bringt.

Die Erleichterung kann man sich wahrscheinlich gar nicht vorstellen.
Nein, das ist schwierig zu erzählen. Als wir erst einmal in Budapest angekommen waren, wussten wir: Wir kommen irgendwie in den Westen. Wir haben dann sofort die Schwester meines Freundes in Dresden informiert, die gleich in unsere Wohnung gegangen ist und alles ausgeräumt hat. Denn sobald klar war, dass Leute geflohen sind, war der Siegel dran an der Wohnung.

Was hatten Sie überhaupt auf die Flucht mitgenommen?
Tja - eben Gepäck für eine Woche Urlaub. Die Zöllner haben Leute aus dem Zug geholt, die für drei Monate Medikamente dabei hatten. Da war klar, dass die nicht für eine Woche in Urlaub fahren. Wir hatten keine Zeugnisse und nichts dabei.

Man hat sein Leben zurückgelassen.
Ja, das kann man so sagen. Man schließt seine Wohnung zu mit dem Wissen, dass man sechs, sieben Jahre nicht zurückkann - auch nicht zu den Eltern. Für Flüchtlinge galt eine lange Sperre für Besuche.
Ich habe noch drei Tage vor der Flucht meinen Geburtstag gefeiert. Ich wusste, in drei Tagen bist Du weg und wirst Familie und Freunde nicht mehr wiedersehen. Das war kein schöner Geburtstag.
Zwei Tage vor Ihrer Flucht hatte Genscher den Flüchtlingen in der Prager Botschaft die Ausreise zusagen können. Hatten Sie das mitbekommen?
Ich weiß nicht, wir waren in der Zeit total mit uns beschäftigt. Und die Prager Botschaft hat uns nichts genutzt, wir wussten: Wir wollen nicht über die Botschaft fliehen.

Gut einen Monat nach Ihrer Flucht ist die Mauer gefallen. War das absehbar?
Nein, war es meiner Meinung nach nicht. Das war überhaupt nicht klar, dass es nicht wie in China wird und die Panzer einfahren.

Als die Mauer fiel, wie war das?
Wir waren wie vom Donner gerührt. Wir haben bei einer Bekannten in Tübingen Fernseh geschaut und waren völlig baff. Damit hatten wir einfach nicht gerechnet.

Warum haben Sie eigentlich Ihren Eltern nichts von Ihren Plänen erzählt?
Weil die Gefahr groß war, dass sie es weitererzählen und irgendjemand in der Kette ist, der sagt: ›So geht´s nicht‹ und wir kein Visum bekommen. Es waren einem ja nicht alle wohlgesonnen. Wenn die Tochter fliehen will, liegt das Nervenkostüm blank. Es war auch gut, dass wir es nicht gesagt haben, denn mein Vater hat später mal gesagt, hätte er es gewusst, hätte er vielleicht eine Möglichkeit gefunden, unsere Flucht zu verhindern.

Und bei den Eltern Ihres Freundes bestand diese Gefahr nicht?
Nein. Die hatten sowieso Westbeziehungen, haben das unterstützt.

Wann hatten Sie nach der Flucht das erste Mal Kontakt zu Ihren Eltern?
Ich weiß es nicht mehr genau. Die Eltern meines Freundes hatten sie informiert, dass wir im Westen sind. Ich habe dann geschrieben oder angerufen.
Meine Eltern haben mir lange nicht verziehen, dass ich gegangen bin, das war eine ganz harte Zeit. Das Verhältnis war eingefroren. Es gab Briefpost, aber das war alles nur unerfreulich. Ich kann es im Nachhinein nachvollziehen.

War Ihnen klar, dass das Verhältnis so zerrüttet sein wird?
Dass es so gravierend sein würde, nicht. Aber das ist 20 Jahre her, und wir sind entwicklungsfähig. Heute haben wir ein sehr gutes Verhältnis - diese Ereignisse sind vom Tisch.

Was war wohl schwerer für Ihre Eltern: Dass sie gegangen sind oder dass Sie nichts gesagt haben?
Beides. Dass ich nichts gesagt habe war mit Sicherheit schwerwiegender. Aber auch, dass ich gegangen bin. Denn mir ging es ja gut, ich hatte alle Vorteile des Sozialismus mitbekommen.

Inwiefern?
Ich hatte mein Hochschulstudium, ein Stipendium, einen guten Abschluss. Ich bin nicht gedrängt worden, in die Partei einzutreten, das war bei Musikern nicht üblich. Die lebten auf einer Art Insel. Auch dass ich studieren durfte, lag einfach daran, dass ich Talent hatte - es gab ja eine Eignungsprüfung. Die hatte man bestanden oder eben nicht.
Meine Eltern haben gesagt: »Hier nimmst Du alles mit und dann wanderst Du ab in den Westen!«

Trotzdem muss es etwas gegeben haben, dass Sie so gestört hat, dass Sie die Pläne Ihres Freundes begrüßt haben?
Es kam vieles zusammen. Ich wusste zum Beispiel, dass ich nie reisen, nach London kommen würde. Man sah die Bilder im Englisch-Schulbuch und wusste: Da kommt man nie hin. Ich glaube, das war für sehr viele der Grund - auch in andere Länder reisen zu wollen.

Wann sind Sie nach der Flucht wieder in Ihrem früheren Zuhause gewesen?
Irgendwann 1990, ich glaube, an Ostern. Wir hatten aber auch keine große Lust zu meinen Eltern zu fahren. Wir wussten, das gibt nur Zoff.

Und wann haben Sie Ihre Sachen aus der Wohnung bekommen?
Die Schwester meines Freundes hatte alles in einer Scheune deponiert, und immer, wenn sie uns besucht haben, haben sie uns etwas mitgebracht. Geschirr, Staubsauger, das Klavier... Die Eltern meines Freundes wollten mir auch mein Cello mitbringen, aber sie mussten es am Zoll zurücklassen. Ein Jahr lang hat die DDR ja noch existiert.

Wie real sind Ihre Erlebnisse heute noch?
Wenn ich darüber nachdenke, ist das noch sehr real. Ich sehe mich noch in den Zug steigen, im Bus ins Auffanglager sitzen.
Ich weiß auch noch, wie ich mich gefühlt habe - und erinnere mich nicht nur an die guten Gefühle.

 

Main Echo vom 7.11.2009

  

Portrait

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Zur Person: Katrin Penz

 

Katrin Penz, Foto: Main-Echo 

Katrin Penz (42) ist in Görlitz aufgewachsen und hat in Dresden Cello studiert. Mit dem Studium erhielt sie ein Diplom zur Musikpädagogin. Heute lebt Katrin Penz in Sulzbach, unterrichtet Cello am Maria Ward-Gymnasium Aschaffenburg und am Hanns-Seidel-Gymnasium in Hösbach. Sie ist Mitglied im Collegium Musicum Aschaffenburg und hat ein Hörbuch für Kinder, »Hubi, die Maus« veröffentlicht.

 Main-Echo vom 7.11.2009

  
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