
»Schokolade ist ein Kulturgut«
Schüler spielen im Rahmen eines Seminars die Minister im Europäischen Rat
Aschaffenburg. Die Minister der Europäischen Mitgliedsstaaten treffen sich am Samstag zu Verhandlungen im Verlagsgebäude unserer Zeitung: Die Schokoladenrichtlinie soll verabschiedet werden. Ein Ministertreffen in Aschaffenburg? Nein, elf Schüler schlüpfen in die Rolle der europäischen Minister und spielen eine Sitzung nach.
Herr Andopulus, Minister aus Griechenland, sitzt seiner Kollegin aus den Niederlanden gegenüber. »Schokolade ist ein Kulturgut, das geschützt werden muss«, sagt sie zu ihm. Gerne würde er antworten, doch auf der Rednerliste steht nun sein Kollege aus Belgien.
Kein ausgedachter Fall
Elf Schüler vom Spessart-Gymnasium Alzenau, Dalberg-Gymnasium Aschaffenburg, Julius-Echter-Gymnasium Elsenfeld, Hanns-Seidel-Gymnasium Hösbach, der Maria-Ward-Schule Aschaffenburg und der Privaten Wirtschaftsschule Krauß sitzen am Samstag im Redaktionsgebäude unserer Zeitung und spielen die Mitglieder des Europäischen Ministerrats. Dieses Planspiel gehört zu einem bundesweiten Seminar für Schülerzeitungsredakteure, veranstaltet von dem Programm »Aktion für Europa«, initiiert vom Auswärtigen Amt, der Europäischen Kommission und dem Europäischen Parlament.
Ronja Hofmann von der Maria-Ward-Schule spielt die Ratspräsidentin und vertritt gleichzeitig Deutschland - wie es in der richtigen Europäischen Union derzeit auch ist. Sie leitet die Sitzung zur »Schokoladenrichtlinie«. Dabei geht es um die Frage, wie viel der Kakao-Butter durch andere Fette ersetzt werden darf und wie dies auf der Packung gekennzeichnet werden muss. Ein ausgedachter Fall? »Nein, diese Richtlinie gibt es wirklich. Über Monate hinweg wurde sie verhandelt«, erklärt Matthias Holzner von Eurosoc, der das Planspiel zusammen mit Laszlo Kovats leitet.
Die jungen Minister müssen ein Kompromiss finden. Die Niederlande und Belgien sind gegen einen Ersatz der Kakaobutter, Großbritannien und Portugal wollen andere Fette in der Schokolade erlauben. Die Diskussion wird hitzig: Sollten die Verbraucher entscheiden? Muss man eine Studie erstellen, um wirtschaftliche Probleme für die Entwicklungsländer, die Kakao liefern, herauszufinden? Diese Idee von Anna Hohm, Schülerin des Julius-Echter-Gymnasiums und Vertreterin Frankreichs, findet der Vertreter Belgiens, gespielt von Dennis Schwind von der Staatlichen Realschule für Knaben, gut. Auch Spanien, mit ihrer Vertreterin Hannah Fleckenstein vom Spessart-Gymnasium Alzenau unterstützt die Idee. Als Vertreterin von Großbritannien ist Isabel Rhode vom Hanns-Seidel-Gymnasium dagegen. Sie hat kaum zu Ende gesprochen, setzt die Vertreterinnen der Niederlande, Anna Diehm vom Dalberg-Gymnasium, zur Gegenrede an.
Das Spiel bleibt nahe an der Realität: Die polnische Abgeordnete Beate Cibis von der Wirtschaftsschule Krauß bekommt Anrufe von ihrem Ministerpräsidenten, der Änderungen durchsetzten möchte. Während den Verhandlungspausen werden neue Allianzen geschmiedet. Dabei dürfen die Interessen der Lobbyisten nicht fehlen.
Macht auch für kleine Länder
Ratspräsidentin Ronja Hofmann erarbeitet einen Vorschlag, der alle zufrieden stimmen soll. Ihr Kompromiss schafft es durch die Abstimmung: Es dürfen drei Prozent der Kakao-Butter durch andere Fette ersetzt werden. »Die Entscheidungen in der EU sind nicht einfach«, sagt Hofmann danach. Thomas Debus von der Wirtschaftsschule Krauß spielte den Vertreter aus Lettland: »Auch als kleines Land und Außenseiter hatte ich viel Macht«, sagt er.
Nach diesem ersten Teil des Seminars geht es im Mai weiter: Dann sollen die Schülerzeitungsredakteure lernen, wie Interviews geführt und Texte geschrieben werden. Bis dahin recherchieren sie europäische Themen in ihrem eigenen Umfeld. Ein Themenvorschlag: »Wo und warum hängt die Europäische Flagge in der Stadt?«
Rebecca Beerheide
Main-Echo vom 12.03.2007