Mittwoch, Juni 19, 2013

Renate Binscheck

minimieren

Vangelis und Metallica

Handglockenchor unter Leitung von Benno Binschek

Aschaffenburg. Kleine Glocken, große Wirkung: Metallicas romantischer Welthit »Nothing else matters« und die glamouröse Melodie »Conquest of Paradise«, die Vangelis für den Historienfilm »1492« komponiert hatte, hat der Aschaffenburger Handglockenchor am Samstagabend in der voll besetzten Schlosskapelle zu einem neuen, vibrierenden Klangerlebnis gestaltet.

Das Publikum war vor allem von diesen beiden Stücken sichtlich begeistert, und eine Zuhörerin sagte, sie finde Metallicas Ohrwurm in der Bearbeitung des Dirigenten Benno Binschek »noch viel schöner als das Original«. Binschek, Musiklehrer am Hösbacher Hanns-Seidel-Gymnasium, leitet den Chor seit April vergangenen Jahres, konnte aber beim Auftritt zum Kunsthandwerkermarkt 2006 nicht dabei sein. Deswegen war die Programmankündigung »unter neuer Leitung« nicht ganz taufrisch, vor allem, weil Binschek dem Ensemble längst seinen Stempel aufgedrückt hat, mit dem er Klassik und moderne Unterhaltungsmusik anspruchsvoll verquickt.

Querflöte spielt Solostimme

Wirklich neu war, dass Binscheks Frau Renate, die an der Maria-Ward-Schule ebenfalls Musik unterrichtet, zusammen mit den Handglockenspielern auftrat und mit ihrer Virtuosität an der Querflöte bezauberte. Dass sie das erste Stück »Conquest of Paradise« dirigierte, hatte zunächst für Verwirrung gesorgt und Unkundige fragten sich, ob sie die neue Leitung sei. Doch Renate Binschek vertrat lediglich ihren Mann, als dieser den Chor an der Orgel begleitete und damit das von Boxer Henry Maske weltberühmt gemachte Stück um weitere unter die Haut gehende Klangnuancen bereicherte. 

Beim zweiten Anlauf berühmt

Moderator Matthias Wendler sagte, für den diesjährigen Auftritt habe der Chor lauter Kompositionen ausgesucht, die erst beim zweiten Anlauf berühmt geworden seien, zum Beispiel Gloria Gaynors »I will survive«. Es war 1979 auf der B-Seite einer Schallplatte veröffentlicht worden. Doch immer mehr Discjockeys bevorzugten die B-Seite und verhalfen dem Song innerhalb eines Jahres zum Durchbruch. Renate Binschek spielte den Gesangspart an der Querflöte, erst zart, wie hingehaucht, dann voller Kraft und Emotion. Dass draußen derweil das große Carillon vom Schlossturm erklang, quittierte der Dirigent mit einem Lächeln: »Die Konkurrenz schläft nicht.«

Zur Begleitband degradiert wurde der Chor durch den Auftritt der Flötistin freilich nie. Die Glockentöne fügten sich bei jedem Stück zu einem Klanggemälde aus schillernden Farbtupfern und irisierenden Schichten zusammen, bei Tschaikowskys »Humoresque« ebenso wie bei Ausschnitten aus Händels Wassermusik, bei Mussorgskis »Der große Turm von Kiew« (das zehnte Bild seiner famosen »Ausstellung«) und bei Bachs »Badinerie« aus dem zweiten Orchesterkonzert in h-moll, eines der bekanntesten Klassikstücke überhaupt. Auch hier übernahm Renate Binschek den Flöten-Solopart, während das Ensemble zeigte, wie gut sich gerade Barockmusik dazu eignet, von kundigen Glockenspielerhänden präzise zerlegt und wieder zur Mehrstimmigkeit zusammengefügt zu werden.

Melanie Pollinger
Main-Echo vom  06.08.2007

  
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