Bilder

 

 

 

Eine Exkursion gegen das Vergessen

70 Schülerinnen des Maria-Ward-Gymnasiums besuchten die KZ-Gedenkstätte Dachau


„Die sich des Vergangenen nicht erinnern, sind dazu verurteilt, es noch einmal zu erleben!“ Diese Mahnung nahmen wir Schülerinnen aus den drei 9. Klassen des Maria-Ward-Gymnasiums uns zu Herzen und besuchten die KZ-Gedenkstätte Dachau. Am frühen Morgen des 17.03 machten wir uns gemeinsam mit unseren Begleitlehrkräften Sieglinde Bauer und Anna Schreiber auf den Weg zu einer zweitägigen Exkursion, für die wir sogar einen freien Samstag „opferten“, um uns besonders intensiv mit dem Unrechtsstaat des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen.

Bereits im Voraus hatte sich der Jahrgang getroffen und von den Lehrkräften einige Informationen zum KZ bekommen. Dadurch fühlten sich die Schülerinnen gut auf den Besuch vorbereitet. Zu Beginn fanden wir uns in fünf klassenübergreifenden Gruppen zusammen. Dies diente dazu, die Thematik intensiver besprechen zu können und die Referenten konnten so auch auf individuelle Fragen und Wünsche der Schülerinnen besser eingehen.

Zunächst kamen wir mit der Thematik des Konzentrationslagers anhand einer kleinen Einführung durch die Referenten in Berührung. Hierfür wurden uns verschiedene Bilder aus dem KZ vorgelegt und wir sollten einschätzen, ob die darauf abgebildeten Szenen eher typisch oder untypisch für das Lagerleben waren. Während wir uns bei einigen Bildern sicher waren, so zum Beispiel bei der Fotographie eines Appells, gab es auch einige Bilder, die uns überraschten. Eines zeigte beispielsweise Häftlinge, welche Fußball spielten. Alle aus der Gruppe hielten es für sehr untypisch. Doch unser Referent erklärte uns, dass es im Jahr 1944 sogar eine Europameisterschaft innerhalb des Lagers gab, welche die luxemburgische Mannschaft gewann, da die luxemburgischen Häftlinge in der Küche arbeiteten und somit ein wenig mehr Essen hatten und dadurch in einer besseren physischen Verfassung waren. Trotz einiger neuer Erkenntnisse merkten wir, dass unsere Lehrkräfte uns wirklich gut vorbereitet hatten und somit konnten wir die Vorbesprechung schnell beenden und zum Gelände der Gedenkstätte gehen.

Während wir über die ehemalige „Straße der SS“ (heute „Straße der Erinnerung“) zum Gelände des Konzentrationslagers Dachau liefen, änderte sich die Stimmung unter uns Schülerinnen. Bei der Vorbesprechung waren wir noch sehr entspannt und ausgelassen, doch auf dem Weg wurden wir sehr andächtig und beim ersten Anblick des berühmten Tores mit der Inschrift „Arbeit macht frei“ war die Stimmung bedrückt. Uns wurde immer mehr bewusst, wie real die Zeit des Nationalsozialismus an diesem Ort war, die wir bisher nur aus dem Unterricht und von Bildern kannten. Als das Tor hinter uns lag, fanden wir uns auf dem Appellplatz wieder. Sofort hatte man das Bedürfnis, sich alles genau anzusehen und die bedrückte Stimmung wich dem Wissensdurst, der in unseren zahlreichen Fragen an unsere Referenten deutlich wurde. Wir konnten uns hier sehr gut vorstellen, wie es ausgesehen haben muss, als der riesige Platz von tausenden stramm stehenden ausgemergelten Männer gefüllt war und die Leute der SS mit ihren Gewehren vor ihnen standen und sich an dem Gefühl von Macht berauschten, welches durch die wehrlosen Häftlinge in ihnen ausgelöst wurde. Der folgende Rundgang führte uns zuerst in das Wirtschaftsgebäude, in dem die Häftlinge schon bei ihrer Ankunft von einem Individuum zu einer Nummer wurden. Später wurden sie hier völlig willkürlich für jede Kleinigkeit grausam bestraft. Das Häftlingsgefängnis, auch Bunker genannt, ging uns wieder sehr nahe. Eine Schülerin konnte unseren Eindruck sehr gut in Worte fassen, indem sie sagte, dass es in dem kalten Gebäude nach Angst und Verzweiflung rieche. Dieser Aussage stimmte die gesamte Gruppe zu. In den Baracken konnten wir sehen, wie sich die Unterbringung der Häftlinge über die Jahre veränderte und wie menschenunwürdig sie untergebracht waren. Wir spürten, dass hier nirgends auch nur ein Hauch von Privatsphäre möglich war. In den letzten Jahren des Konzentrationslagers teilten sich teilweise drei Menschen eine Matratze, so überfüllt war es. Den allgegenwärtigen Tod im Lager brachte uns ganz besonders der Krematoriums-Bereich vor Augen. Es war nur schwer vorstellbar, dass in den Öfen vor uns Tausende Leichen verbrannt wurden. Beim Betreten der Gaskammer wurde die sonst so ferne Zeit des Nationalsozialismus für uns lebendig. Man fühlte sich absolut fehl am Platz und hatte das Gefühl, dass die schrecklichen Ereignisse immer noch in den Räumen festhingen und sie nur darauf warteten, wieder aufzusteigen. Auch die Information, dass die Gaskammer wahrscheinlich kaum verwendet wurde, konnte dieses Gefühl nicht vermindern. Auf dem Weg zurück ins Jugendgästehaus und auch am Abend bildeten sich immer wieder interessante Diskussionsrunden, bei denen wir – auch unterstützt von den Lehrkräften – unsere Eindrücke des Tages verarbeiteten. Letztlich ließen wir den Abend dann doch entspannt ausklingen und waren motiviert, uns am nächsten Tag weiter mit dem Thema NS zu beschäftigen.

Nach dem Frühstück ging es gleich wieder auf die Gedenkstätte, wo wir uns einen Film mit Originalaufnahmen der Amerikaner nach der Befreiung des Konzentrationslagers ansahen. Hier wurden wir mit den Grausamkeiten der Nazis konfrontiert. Dinge, die wir uns vorher nicht einmal vorstellen konnten, hatten plötzlich ein Bild und wurden dadurch noch realer. Anschließend beschäftigten wir uns in unseren Gruppen mit Themen, für die am Vortag aufgrund der vielen interessierten Fragen unsererseits keine Zeit mehr war. Neben den medizinischen Versuchen und der Sicherung des Lagers kam auch das Thema Suizid unter den Häftlingen auf. Unser Referent regte eine Diskussion zu dem Thema an, in dem er fragte, ob man in einem Konzentrationslager wirklich von Suizid reden könne, da die SS die Häftlinge teilweise dazu zwang, sich in lebensgefährliche Situationen zu begeben und versuchte, die Menschen zu brechen. Es sei die Frage, ob dieses Brechen der Menschen nicht schon Mord sei. Die Antwort darauf musste jede von uns für sich selbst finden. Danach erkundeten wir frei das Museum und hatten dabei die Aufgabe, uns in einen Gegenstand zu versetzen und aus dessen Sicht über das Leben im KZ zu berichten. Jede von uns schlüpfte in die Rolle eines Objekts und verfasste einen Erzähltext: z. B. als OP-Besteck, als Buch aus der Lagerbibliothek, als Karteikartentisch, als Figur auf dem von Häftlingen selbst hergestellten Schachspiel. Nach einer kurzen Reflexionsrunde ging es wieder heimwärts.

Wir sind der Meinung, dass unsere Fahrt ein gelungener, sehr beeindruckender Ausflug in das schrecklichste Kapitel unserer Geschichte war. Unsere Erlebnisse in Dachau können wir nur schwer in Worte fassen. Dennoch haben wir viel für unser Leben mitgenommen und konnten in unserer Persönlichkeitsbildung ein großes Stück weiterkommen. Unser Dankeschön gilt unseren Lehrkräften in Geschichte, Frau Bauer und Frau Rath, die mit ihrem Engagement diese unvergessliche Exkursion gegen das Vergessen nach Dachau ermöglichten. Vor allem eines haben wir von dem Besuch der Gedenkstätte mitgenommen: es wurde uns allen bewusst, dass so etwas Schreckliches nie wieder passieren darf und dass es unsere Verantwortung ist, mit unserem Einsatz für die Demokratie dafür Sorge zu tragen.

Text: Miriam B. & Laura M., 9c; Fotos: Fr. Schreiber; Web-Darstellung: MWS-Homepage; LG
Sprechende Gegenstände

Gemälde von Georg Tauber

Wir sind die Gemälde von Georg Tauber (1901 – 1950) (1940 ins KZ) und in der Sonderausstellung zu finden. Ab 1941 wurden wir illegal für einen Zivilarbeiter im Austausch gegen Farben gemalt und halten das Alltagsgeschehen eines Konzentrationslagers fest. Wir müssen die brutale Darstellung von Mord und Peinigung auf unseren Blättern tragen. Jedoch zeigen wir auch die Befreiung des Lagers und die Nachkriegszeit. Manche von uns gelten auch als Widmung für die vergessenen Opfer, die es in der Nachkriegszeit besonders schwer hatten. Wir lösen bei unserem Betrachter viele verschiedenen Emotionen aus, da wir sehr realistisch gestaltet sind und nicht viel beschönigt werden.

Von Julia W. und Lea F., 9a

 

Bücher aus der Lagerbücherei 1

Ich bin ein Buch aus der Dachauer Lagerbücherei. Immer mal wieder kamen Menschen zu mir. Sie lasen, doch ich merkte, dass sie verzweifelt waren und versuchten durch mich und andere Bücher Ablenkung von den sichtbaren Qualen zu finden. Doch ich hatte das Gefühl, dass nur wenige kamen, die, denen es verhältnismäßig gut ging. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass nur so wenige im Lager waren. Manchmal redeten die Leute und ich erfuhr, dass meine Vermutung stimmte. Juden und Häftlinge aus den Straf- und Isolierblocks durften gar nicht zu mir und viele waren zu schwach und zu verzweifelt um sich durch mich abzulenken. Heute sind mir noch mehr Gründe bekannt warum so wenige zu mir kamen, es herrschten katastrophale Bedingungen für alle Häftlinge und ich bewundere die, die zu mir kamen immer mehr.

Von Laura M., 9c

 

Bücher aus der Lagerbücherei 2

Ich. Wer ich bin? Auf den ersten Blick würde man mich vermutlich als ein einfaches Buch abtun, doch ich bin viel mehr als das. Ich bin ein Hoffnungsträger, eine Möglichkeit den Lebenswillen und den Geist aufrecht zu erhalten. Natürlich war ich zunächst lediglich ein Buch, doch nach zahllosen Jahren, in denen ich meinen Besitzern einfach ein wenig Freude brachte und ihnen als Mittel zum Zweck diente, fand ich meine wahre Bestimmung. Ich kam in die Lagerbücherei des KZ Dachau. Von Beginn an merkte ich, dass ich diesen bemitleidenswerten Menschen viel mehr bedeutete als jemals jemandem zuvor. Dieses Gefühl, Freude in ein sonst hoffnungsvolles und ja sogar schreckliches, menschenunwürdiges Leben zu bringen, ist das Beste, was ich je fühlte. Oft kamen Menschen zu mir um sich abzulenken, manchmal murmelten sie leise vor sich hin, kaum hörbar, und erzählten mir von ihrem Leid. Ohja, mittlerweile habe ich viel mehr Wissen als nur den Inhalt meiner Seiten. Ich kenne viele Geschichten einzelner Menschen, niemals werde ich sie vergessen können. Auch wenn ich einige schon nach der ersten Begegnung nie mehr wieder gesehen habe, werden sie für immer in meinem Kopf sein. Ich wünschte, ich könnte meine Seiten davon erzählen lassen, denn der eigentliche Inhalt meiner Seiten scheint im Gegensatz zu den Geschichten, die mir erzählt wurden, vollkommen unwichtig. Ich probierte, sie eine Zeit lang über das Gefühl meiner Seiten weiter zu erzählen. Das Gefühl der, teils dreckigen und kranken, Hände, welche ihre letzte Kraft des Tages aufwendeten um meine Seiten umzublättern. Dieses wollte ich weitertragen und ich hoffe, dass es mir gelungen ist. Doch wie ihr sicherlich wisst, stehe ich nun im Museum der Gedenkstätte Dachau und genieße meine Rente. Ich habe meinen Dienst getan und auch jetzt sehe ich noch an den Blicken der Menschen, dass ich ihnen helfe, all das zu verstehen, was eigentlich nicht mehr verständlich ist. Ich bin dankbar, dass ich mein Dasein so sinnvoll nutzen konnte.

Von Miriam B., 9c